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Montag, 12. November 2012

Der Gott des Gemetzels

Dass der Mensch böse sei, ist vom Erkenntniswert her betrachtet, nichts fundamtental Neues. Nun ist es allerdings so, dass die Wohlerzogenheit, die Zivilisation, die ursprüngliche Wildheit des Menschen gleich einer dünnen Tünche bedeckt.

In welche Richtung sich Menschen entwickeln können, wenn dieser dünne Film Risse bekommt, das durften die Besucherinnen und Besucher der Raabebühne Eschershausen am 10. und 11. November 2012 jeweils um 20:00 Uhr in der Aula der Wilhelm-Raabe-Schule hautnah mitbekommen.

"Der Gott des Gemetzels" klingt zunächst nach dem Titel eines billigen Splattermovies, doch mitnichten: Den Zuschauer erwartete eine bitterböse Komödie der französischen Schauspielerin und Schriftstellerin Yasmina Reza, bei der einem so manches Mal das Lachen ob eines unerwarteten Wiedererkennungswertes im Halse stecken bleiben mochte.

Zur Handlung: Zwei Jungen haben sich draußen im Park geprügelt, unter Zuhilfenahme eines Stocks und zwar dermaßen heftig, dass zwei Schneidezähne eines Kontrahenten dabei auf der Strecke blieben.

Wie es sich für gebildete, kultivierte, wohlanständige Menschen geziemt, musste der Vorfall glaubhaft für die Versicherung dokumentiert werden. Eines Nachmittags besuchte demzufolge das Ehepaar Reille, Elternpaar des "Schlägers" die Familie Houillé, Eltern des "Opfers". Zunächst blieben die Elternpaare streng im Rahmen dessen, was gemeinhin von gebildeten, kultivierten Menschen verlangt wird - Zurückhaltung, sorgfältige Höflichkeitsfloskeln dominierten das Bild.

Nach und nach schlich sich bei Wirtschaftsanwalt Alain, Vater des "Täters" (zynischer Schwadroneur: Markus Wendrich), ein gewisser Unmut über die "überproblematisierende" Herangehensweise von Véronique, Mutter des "Opfers" (verkörpert durch Ingrid Reuther, die als überbesorgte Mutter zahlreiche Facetten ihres schauspielerischen Könnens präsentieren konnte), ein.

Dadurch bedingt dauerte es nicht lange, dass auch Michel (in komödiantisch bewährter Weise gespielt von Kurt Seitz), nach eigenem Bekunden "Choleriker reinstens Wassers", allmählich zu lautstarker, destruktiver Hochform auflief, was nun auch die zunächst sehr reservierte "Tätermutter" Annette (beeindruckend in der subtil ansteigenden Intensität gespielt von Andrea Ide) immer mehr in Rage brachte, was letztlich in ein "Finale Furioso" samt ersäuftem Handy und demolierten Tulpensträußen mündete.

Knapp zwei Stunden lang unterhielten die Schauspielerinnen und Schauspieler der Raabebühne das sichtlich amüsierte Eschershäuser Publikum, das nach den Vorstellungen auch voll des Lobes für die schauspielerischen Leistungen war.

Unterstützt wurden die Akteure durch Souffleuse und Conférencieuse Annegret Gömann, Souffleur Jakob Weibert, Techniker Ralf Witzorrek, der auch einen DVD-Mitschnitt des Stückes anfertigte sowie das bewährte Bar-Team, bestehend aus Herta Wolf, Margret Hartmann und Siegfried Leßmann. Besonderer Dank gebührt auch Monika Geweke vom Kosmetiksalon cosmedicalcare Heidi Sprafke, Lüerdissen, als Maskenbildnerin und Ingrid Edelmann, die als Kassiererin fungierte.

Für die Cineasten unter Ihnen: Das Theaterstück wurde bereits außerordentlich erfolgreich verfilmt, und zwar von Roman Polanski. Eine Filmkritik des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" finden Sie an dieser Stelle: Klick mich

In gewisser Weise passend dazu äußerte Wilhelm Raabe einst: "Wir tragen eben den Frieden wie ein Gewand, an dem wir vorn flicken, während es hinten reißt. Der Stoff hält sich eben nicht." Raabe dürfte es um eine globalere Sicht der Dinge gegangen sein, gleichwohl gilt: Wie im Großen, so auch im Kleinen.